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  • Lilian Kaufmann

Wenn ich leider kein Foto habe - Über Castingphantasien und Fata Morganas

Aktualisiert: 24. Nov 2018


Zeig her, wer du bist - Wenn Verfolgungsjagden nur im eigenen Kopf existieren.

Heute Nacht ist es wieder passiert: Ich lag wach, konnte einfach nicht einschlafen, und hatte sie plötzlich vor mir. Beziehungsweise ihn. Er hat mich überfallen, irgendwo im nebelhaften Nirwana zwischen Traum und Realität. Dort, wo die Logik allmählich nicht mehr mit der Fantasie mitkommt. Dabei sah er eigentlich ganz harmlos aus: Ein einfacher Büroangestellter, ein bisschen klein und schmächtig für seinen dunklen Anzug, die Haare dunkelbraun, die Haut fahl. Klar, er sitzt ja auch viel am Schreibtisch. Sein Mantel hat mich an Sherlock-Holmes erinnert, dieser typische, braune Trenchcoat, den man abwechselnd als spießig und hochmodern empfindet. Nur wirkte er nicht so selbstbewusst wie ein Benedict Cumberbatch vor der Kamera. Seine Augen sahen mich ein wenig schüchtern an, obwohl er es ja gewesen ist, der mich überfallen hat – nicht umgekehrt. Also, dann zeig dich mal, dachte ich, aber er wollte einfach nicht so richtig aus sich herauskommen. Hast du etwas angestellt?, fragte ich mich und sah ihm prüfend in die braunen Augen. Ein versteckter Mörder könnte so unscheinbar daherkommen. Einer, den man bis zur letzten Seite nicht verdächtigt, weil man ihn nach der ersten Erwähnung bereits wieder vergessen hat. Kaum, dass ich mit dem Gedanken gespielt hatte, entschied ich mich auch schon wieder dagegen. Nein, diese braunen Augen waren nicht böse. Sie waren nicht kalt oder unbarmherzig, sie forderten keine Opfer und ergötzten sich nicht am Leid anderer. Aber sie waren klug. Sie beobachteten genau, aus der sicheren Position des unauffälligen Maulwurfs im erdbraunen Fell, der spießige Trenchcoat diente ihm als Tarnumhang. Ein bisschen Typ Walter Mitty. Aber träumte er wirklich nur vom Erfolg?

Vielleicht, so überlegte ich weiter, hatte dieser unscheinbare Mann ganz einfach eine seltene Begabung. Die Menschen unterschätzten ihn. Zum Beispiel könnte es sein, dass er ein begnadetes Rechentalent war. Okay, zugegeben: Kein origineller Einfall.

Weiter.

Rechentalent müsste aber nicht zwangsläufig Informatiker oder Mathematikstudent heißen. Tagsüber ein einfacher Buchhalter, könnte es ihm nachts eine geheime Doppelexistenz ermöglichen: Zum Beispiel im Glücksspiel. Er könnte Kartenzählen. Ein bisschen wie im Film 21. Nachts veränderte der Mann sein Aussehen: Im Gegensatz zu Superman, der für seine heldenhafte Verwandlung einen blauroten Umhang anlegt, streift dieser den spießigen Tarnumhang ab. Er wechselt den Anzug, wähl ein dunkleres, schickeres Modell, das besser geschnitten ist und nicht zu lang an den Beinen. Er setzt Kontaktlinsen ein und gelt sich die dunklen Haare. Er würde ein kleines bisschen schmierig damit aussehen, aber besser als erwartet. Und so würde er Nacht für Nacht kämpfen, gewinnen, die Casinos ausnehmen. Und warum? Weil er sich dort sicher fühlt. Er weiß, wie er mit den Karten umgehen muss, er hat es schon als Kind von seinem Stiefvater gelernt. Wie man mit Menschen umgeht dagegen nicht. Er ist sensibel, er war in der Schule ein Außenseiter und in seinem Elternhaus hat man nicht viel Wert auf Bildung gelegt. Er hat heimlich gelesen. Vielleicht hat er sich mit zwanzig von seinem ersten Casino-Gewinn die Ohren anlegen lassen. Vielleicht träumt er von einer Reise ans andere Ende der Welt, an irgendeinen Paradiesstrand, so wie Truman Burbank in der Trueman-Show. Und trotz seiner zurückhaltenden Art ist er ein ziemlich guter Liebhaber und verliebt in Audrey Tautou aus der fabelhaften Welt der Amélie.

Das ist zumindest eine mögliche Theorie. Ob sie stimmt, kann ich nicht sagen. Der Büroangestellte ist nach der Nacht in meinem Gedächtnis wieder blasser geworden und ich weiß nicht, ob er mich noch einmal heimsuchen wird. Ich weiß nur: Irgendjemand wird an seiner Stelle wiederkommen.

Meistens bei Nacht, manchmal aber auch bei Tag. Völlig unvorbereitet treffen sie mich, lenken mich vom Alltag ab und versetzen mich an Supermarktkassen oder S-Bahn-Haltestellen urplötzlich in Trance, in einen Sekundenschlaf.

Wie zerrende, schlurfende Gedanken-Zombies.

Wahrscheinlich gehören sie zur Findungsphase einfach dazu. Mein Gehirn ist auf der Suche und es präsentiert mir immer wieder irgendwelche Gestalten, wie ein überforderter, hektischer Casting-Director, der nicht weiß, wie er mich zufriedenstellen kann. Meistens sind die Figuren noch recht durchsichtig, wie der Walter-Mitty-Casino-Ganove, und ich muss mich entscheiden: Wer soll rein in die nächste Geschichte? Welches Gesicht passt, mit wem werde ich am meisten warm? Bei wem stört es mich am wenigsten, wenn er mich nachts, in meiner privaten Ruhe, überfällt?

Manchmal würde ich gerne alle auf einmal engagieren. Denn ich weiß nicht, wie viele Bücher ich überhaupt noch schreiben werde. Wenn es nach dem hektischen Casting-Director in meinem Kopf ginge zwar noch viele, aber vielleicht stecke ich aktuell auch nur wieder in einer Phase zwischen Traum und Realität. Vielleicht wird es für immer und ewig bei einem einzigen Buch bleiben. Und vielleicht ist all das, was mir momentan, in meiner Findungsphase, an Ideen daherkommt, nichts, als die Fata Morgana eines überhitzten Gehirns. Eines, dem die kreativen Zuflüsse schon ausgetrocknet sind und das jetzt mit dem Fabulieren anfängt.

Vermutlich wird es der Büroangestellte mit krimineller Robin-Hood-Energie niemals auf ein gedrucktes Blatt Papier schaffen. Schließlich kann nur einer das Cover-Gesicht werden und irgendwie fehlt es ihm trotz aller Bemühungen noch an Drama. Als Ärztin ist mir normalerweise an der Lebenserhaltung gelegen, aber im Falle der blassen Casting-Teilnehmer muss ich manchmal zur unbarmherzigen Gedanken-Mörderin werden.

Es nützt nichts, jede klitzekleine Idee, jede Person, in eine Geschichte hineinzuzwängen. Lieber am Ende einen einzigen Casting-Gewinner, um den man sich richtig kümmern kann als jährlich ein neues, halbherzig blasses Projekt.

Wer bekommt also am Ende das Foto?

Die braunen Augen des Büroangestellten beobachten mich. Noch immer nicht böse, aber anklagend. Langsam kommen sie mir tatsächlich auch ein bisschen bekannt vor.

Im Grunde genommen sind es immer wieder ähnliche Figuren, die mich heimsuchen. Es sind nämlich immer wieder ähnliche Konstellationen, die ich mag. Eine dieser Gruppen bilden die Nerds, die vordergründig wie Außenseiter wirken und später das Herz der Leser oder Fernsehzuschauer oder auch einfach nur mein eigenes erobern werden.

Vielleicht wird der Büroangestellte es in irgendeiner Form also doch noch irgendwann aufs Papier bringen. Vielleicht nicht als Büroangestellter und Casinos mag ich eigentlich auch nicht besonders. Außerdem tauchen Trenchcoats schon in viel zu vielen Geschichten auf. Und wer kann sich mit einem Sherlock Holmes messen?

Vielleicht wird alles ganz anders. Nur die braunen, klugen Augen könnten bleiben.

Das nächste Mal, wenn ich sie wiedersehe, werde ich sie gleich erkennen.

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